Call me Emanze, babe!

Vor wenigen Tagen saß ich mit meiner Tochter, (fast) 21, im Auto. Wie immer, wenn wir längere Strecken absolvieren, sabbeln wir uns fest, springen von Thema zu Thema, philosophieren und analysieren, dass einem die Ohren schlackern.

Ganz ehrlich? Ich liebe diese Fahrten.

Irgendwie sind wir dann auf das Thema Sprache, und was Begriffe mit Menschen machen, gekommen. Als ich ihr erklärte, dass für mich der Ausdruck “Emanze” mit einem heftigen Geschmäckle behaftet sei, kam eine erstaunlich reflektierte und klare Antwort von ihr: “Der Begriff selbst hat doch eine ganz klare Bedeutung. Da geht es um die Gleichberechtigung der Frau. Wenn du jetzt da an Kampfemanzen denkst, dann ist das doch dein Problem. Damit ist doch aber der Begriff nicht schlecht oder falsch.”.

Bämm. Das hat gesessen. Und das von meiner Tochter …

Eine bequeme Ausgangslage

Wer mich kennt, weiß, dass ich definitiv alles andere als ein Heimchen am Herd bin. Ich bin sehr, sehr dankbar dafür, in einem Umfeld groß geworden zu sein, in dem Frauen nie in bestimmte Rollen gedrückt wurden oder gar als “minderwertig” angesehen.

Mein Vater korrigiert auch heute noch andere, wenn die ihn als gestandenen Unternehmer, Firmengründer etc. feiern. Er war dabei nicht allein. Meine Mutter und er haben das gemeinsam aufgezogen. Als Team. Er gab uns Töchtern auch nie das Gefühl, dass ein Stammhalter fehle. Warum auch, seine Mädels sind tolle Frauen.

Meine Großmutter hat schon in den 20gern des letzten Jahrhunderts für sich festgestellt: Der Typ an meiner Seite ist Murks. Ich lass mich scheiden. Go for it und zurück auf Start.

Als Ossi-Kind kommt für mich dazu, dass zu DDR-Zeiten (gefühlt) Gleichberechtigung doch schon einige Schritte weiter war. Ich glaub, es wäre kaum einem Mann in den Sinn gekommen, darüber zu entscheiden, ob und wo seine Frau arbeiten darf und was sie am Ende mit ihrem Geld anstellt.

Wenn man dann sieht, dass es sehr anders sein kann

Klar schüttle ich mit dem Kopf, wenn ich heute lese, wann Frauen endlich selbst ein Konto eröffnen durften.

Oder wann Vergewaltigung in der Ehe nicht mehr als “Jo, is halt so. Man(n) hat Bedürfnisse.” akzeptiert wurde. (1997!)

Aber das ist alles irgendwie so weit weg.

Anders sieht es aus, wenn man dann irgendwann im Bekanntenkreis Strukturen erkennt, die an das vorletzte Jahrhundert denken lassen.

Das sind alles nur Kleinigkeiten. Aber grundlegende.

Man sitzt gemeinsam draußen am Feuer, das Babyfon geht an. Die Lütte (3) jammert.

Wer läuft?

Klar. Mama. Mama bringt ja immer die Kinder ins Bett.

Oder die klassische Freizeit-Einteilung.

Die Herren sitzen 3 x die Woche mit nem Bierchen in der Garage. Die Damen gehen freitags zusammen walken. Zwei Mädels wollen auf nen Montag mal gemeinsam ins Kino.

Bitte was? Sie hatten doch ihren freien Tag! Schließlich hast du Familie!

Junge Frau schreibt an ihrer Doktorarbeit. Verzögert die Abgabe und damit Promotion.

Warum? Weil sie verlobt ist. Den Namen des Partners annehmen wird, weil dass so muss. Und Angst hat, dass dann ihre Promotionsschrift ja nichts mehr mit ihr zu tun hat.

(Ausgestiegen bin ich in dem Moment, wo sie mir erklärte, dass sie ja spätestens beim ersten Kind eh ihre wissenschaftliche Karriere an den Nagel hängen muss. Ist halt so. Wird vom Umfeld erwartet. Sie dürfte jetzt so Mitte 20 sein).

Ein harmloses Geplänkel sorgt dafür, dass sich der Familienvater vor anderen vorgeführt fühlt. Er brüllt seine Frau zusammen. Keiner sagt was, man geht schnellstmöglich zum üblichen Blabla über.

Und so weiter und so fort.

Bevor du jetzt in den Monitor springst: Natürlich gibt es ganz ganz viele andere Beispiele, wo es richtig läuft. Wo sich die Aufgaben in der Familie wirklich geteilt werden. Nicht danach, was Rollenklischees sagen, sondern so, wie es am besten passt. Wo man respektvoll miteinander umgeht, auf Augenhöhe. Wo Frauen sich genauso selbst verwirklichen dürfen wie Männer.

Aber es ist eben noch nicht ganz der Fall. Und es betrifft nicht nur die “ältere Generation”.

Eine bittere Erkenntnis

So sehr das jetzt nach Männer-Bashing klingt, ist es das nicht. Zumindest nicht in erster Linie 😉 Denn soll ich dir was sagen? Die wirklichen Hiebe kommen leider häufig von anderen Frauen.

Da baut sich eine eine Selbstständigkeit nebenbei auf. “Sag mal, ist sie nicht genug ausgelastet mit Haushalt und den Kindern?”.

Eine junge Frau ruft einen Lesezirkel ins Leben. “Na die will sich doch auch nur profilieren”.

Ein Paar geht grundsätzlich gemeinsam los und bringt das Kind ins Bett. “Ja mei, kann sie das nicht mal alleine und ihn hier mit uns sitzen lassen?”

Solche Kommentare habe ich bisher immer nur von Frauen gehört. What the f***? Warum?

Wie sollen Frauen es schaffen, die gläserne Decke zu durchbrechen, wenn wir uns immer wieder gegenseitig runterziehen?

Was Emanzipation für mich ist

Ja, ich tu mich schwer mit dem Begriff “Emanze”. Weil ich da an Frauen denke, die auf Deiwel komm raus alles einreißen wollen. Die meckern, wenn ihnen die Tür aufgehalten wird und fast schon beleidigt sind, wenn sie ein Kompliment für ihr hübsches Kleid bekommen. Die auf die “Kontoinhaberin” bestehen, statt auf eine gleiche Bezahlung.

Aber eigentlich ist es ja viel mehr.

Es geht um Gleichberechtigung. Und zwar nicht, indem man “Mann” mit nach unten zieht, sondern “Frau” mit hochbringt. Und wie geht das? Mit Support, gegenseitiger Unterstützung.

Indem wir Frauen uns gegenseitig den Rücken stärken. Indem wir aufhören, Muster als gegeben hinzunehmen. Indem wir Frauen uns auch mal was zutrauen. Auch Rasenmähen 😉 Und uns dann gegenseitig gratulieren, was wir nun wieder gerockt haben.

Ich freue mich über jedes Kompliment oder wenn mir jemand in den Mantel hilft. Aber ich hack auch selbst mal mein Holz, trau mich, erfolgreich sein zu wollen und keiner Rolle zu entsprechen.

Wenn das eine “Emanze” definiert – yeah, I’m fine with it. Call me this way 🙂

6 Meinungen zu “Call me Emanze, babe!

  1. Liebe Ina, du sprichst mir aus der Seele. In unserer Gesellschaft haben wir nicht mehr -nach meinem Empfinden- die ganz krassen Ungerechtigkeiten. Aber was mich immer noch und immer wieder stört, sind eben die kleinen Dinge, an denen man erkennt, dass Frauen anders behandelt werden. Etwas, was mir immer wieder aufstößt, ist z.B., dass Männer häufig Frauen ins Wort fallen, deren Meinungsäußereungen gerne mit einem Besserwisser-Kommentar toppen, dass Wertschätzung und respektvolles Miteinander gegenüber Frauen nicht automatisch gelebt wird. Dass oft Frauen, die älter sind, nicht richtig wahrgenommen werden. Wo sind denn am Weltfrauentag die Männer, die uns Frauen mal richtig feiern? Mir scheint, als müssten wir meist selber dafür sorgen, dass wir wahr- und ernst genommen nehmen werden. Und das kann ganz schön frustrierend sein.

    1. Liebe Kirsten,

      Oh Gott, ja. Den Teil hab ich komplett verdrängt. Kenn ich aber auch zur Genüge. #mansplaining heißt das wohl auf Neu-Deutsch 😉 Eine ganz blöde Eigenschaft, die man aber schön vorführen kann, wenn Frau dagegen hält. Man muss sich nur trauen 🙂 Vielen Dank für deinen Kommentar!

      Herzliche Grüße

      Ina

  2. Liebe Ina, großartiger Artikel! Ich habe genau dieses Gegenseitig-Runterziehen unter Frauen jahrelang miterlebt – interessanterweise in der Zeit, in der ich noch als Angestellte gearbeitet habe. Als ich mich dann selbständig gemacht habe und selbst bestimmen konnte, mit wem ich mich täglich umgebe, hörte das schlagartig auf. Da ich selbst jemand bin, der es liebt, anderen bei ihrer Entfaltung zu helfen und sie anzufeuern, ziehe ich seitdem auch nur noch Menschen in mein Leben, dir mir genau diese Wertschätzung auch entgegen bringen. Meine Theorie ist daher, dass es auch mit der eigenen (Un-)Zufriedenheit zu hat, ob man lieber andere mit runterreißt oder sich gegenseitig pusht, damit alle was davon haben. Und ich sehe immer öfter einen klaren Zusammenhang zwischen Angestellt-Seit und Unzufrieden-Sein. Wobei das nochmal ein ganz anderes Thema ist. 😉 Ich danke dir auf jeden Fall für diesen Artikel und auch für deine großartigen Inhalte, mit denen du anderen hilfst, sich weiterzuentwickeln. Ganz liebe Grüße aus Köln, Stefanie

    1. Liebe Stefanie,

      danke für deinen Kommentar. Und ja, da kann ich dir auch zustimmen. Dieses Gegenseitig-nix-gönnen kenne ich auch eher noch aus der Angestelltenzeit. Oder eben im privaten Umfeld. Im Online-Business bin ich regelmäßig überrascht, wie stark der Support untereinander ist.

      Vielleicht ist das ja auch einer der Gründe, warum ich Hoffnung habe. Denn da sieht man ja, wie es anders geht!

      Herzliche Grüße

      Ina

  3. Hi Ina, meine Wahrnehmung ist, dass es beides gibt. Männer in Männerrollen, die von ihren Frauen klassisches Frauenverhalten erwarten. Frauen, die von ihren Männern klassisches Männerverhalten erwarten. Das ist langweilig und “deja vu”. Täglich grüsst das Murmeltier. Es schlummern in uns so viele Rollen, die entdeckt werden wollen. Ich denke, es auf die Formel runterbrechen “Er kümmert sich um den Haushalt” oder “Er betreut die Kinder” ist nur die Gegenthese. Vielmehr finde ich es wichtig, das wir uns durch eine Freiheit der Rollenfindung leiten lassen. Und akzeptieren, das wir alle unterschiedliche Talente haben. Herzliche Grüsse Jürgen

    1. Hallo Jürgen,

      ja, da bin ich ganz bei dir. “Emanzipation” betrifft ja nicht nur Frauen, sondern irgendwie alle, die in irgendwelchen Erwartungshaltungen gefangen bleiben. Herzliche Grüße, Ina

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