Nicht jede Phase ist Sommer – über Sichtbarkeit im Wintermodus

Ina Mewes

Wir reden im Online-Business ständig über Sichtbarkeit. Mehr Präsenz. Mehr Output. Mehr, mehr, mehr. 

Was aber, wenn es gerade nicht dran ist, lauter zu werden?

In dieser Folge geht es um Winterphasen im Business – und warum sie oft mehr Substanz haben, als wir ihnen zugestehen.

Ich muss dir kurz vom letzten Wochenende erzählen.

Wir waren an der Ostsee. Komplett zugefroren. Eis bis zum Horizont. Wirklich so, dass du da stehst und denkst: Moment, wo ist bitte das Wasser hin?

Ich liebe dieses Meer. Anderthalb Stunden mit dem Auto von hier und ich bin am, bzw. im Wasser. Also normalerweise. Wenn es flüssig ist. Und wärmer als jetzt.

Gestern war das anders. Du gehst wie immer durch ein kleines Wäldchen mit windgepeitschten Kiefern. Der Aufgang zum Strand ist jedes Mal ein Erlebnis. Der Blick öffnet sich und du kannst das Meer sehen. Dieses normalerweise wilde, ungezähmte Meer – aber in einer Art Eis-Starre. Schollen, die sich zu Bergen stapeln, gefrorene Wellen. Irre. 

Also runter zum Strand und ausprobieren. Vorsichtig drüber tappeln, mit diesem sehr erwachsenen inneren Dialog: Hält das? Ist das hier stabil? Warum knackt das? Wie tief ist das hier eigentlich normalerweise? Bist du eigentlich bescheuert?

Und gleichzeitig diese Neugier: Wie weit kann ich gehen? Was passiert da unter der Oberfläche?

Und während ich da stehe und rutschte, denke ich: 

Genau so fühlt sich Sichtbarkeit manchmal an.

Fragil, unsicher, neugierig aber trotzdem vorsichtig.

Wir tun im Online-Business oft so, als müsste ständig Sommer sein. Dauerhafte Wärme. Immer in Bewegung. Ständige Präsenz. 

Posten. Zeigen. Performen. Möglichst konstant. Möglichst sichtbar. Damit bloß niemand denkt, wir seien gerade nicht ambitioniert genug.

„Happy Sunshine all the time.“

Was für ein Bullshit.

Entwicklung funktioniert nicht linear. Und Sichtbarkeit schon gar nicht.

Es gibt Phasen, da ist Hochsommer.

Du weißt genau, wofür du stehst. Deine Themen sind klar. Deine Worte kommen leicht. Du gehst raus und alles fühlt sich stimmig an.

Und dann gibt es diese anderen Phasen.

Phasen, in denen sich innerlich etwas verschiebt. Du merkst plötzlich, dass dich dein eigenes Thema nicht mehr ganz trägt. Dass du etwas anders erzählen würdest als noch vor einem Jahr. Dass bestimmte Formulierungen nicht mehr passen. Dass deine Haltung sich verändert hat.

Und du gehst in die Starre. Postest weniger. Bist nicht mehr so präsent.

Von außen sieht das nicht spektakulär aus. Eher nach Funkstille. Oder zumindest nach weniger Output.

Von innen ist das aber ziemlich viel Arbeit.

Viele interpretieren genau diese Phase falsch. Sie denken: Ich bin gerade nicht diszipliniert genug. Ich verliere Momentum. Ich müsste eigentlich sichtbarer sein. Andere sind viel konstanter.

Und zack – hast du ein schlechtes Gewissen. Denn “du musst es doch einfach nur wollen und durchziehen”. 

Hochsommer

Vielleicht ist es aber einfach kein Sommer.

Wenn ich an die Ostsee denke: Alles wirkt eingefroren. Kaum Bewegung. Und trotzdem hört man im Garten die ersten Vögel. Die Tage werden länger. Unter der Oberfläche ist längst etwas in Gang. Du siehst es nur nicht sofort.

Ich erlebe das in meiner Arbeit ständig. Frauen, die fachlich extrem gut sind. Klar, reflektiert, verantwortungsbewusst. Und genau deshalb ziemlich streng mit sich selbst.

Bevor etwas rausgeht, wird es zehnmal geprüft. Ist das relevant genug? Ist das differenziert genug? Ist das nicht zu banal? Gibt es das nicht schon hundertmal?

Und irgendwann bleibt nur noch das übrig, was absolut unangreifbar wirkt. Sehr korrekt. Sehr sauber. Und leider ziemlich leblos.

Das ist kein Mangel an Kompetenz. Das ist ein sehr hoher innerer Maßstab.

Und dieser Maßstab führt dazu, dass diese Winterphasen mit wenig Content sich wie Versagen anfühlen.

Dabei passiert da oft etwas Entscheidendes:
Eine Neu-Ausrichtung.

Vielleicht willst du dein Thema politischer denken. Vielleicht persönlicher. Vielleicht weniger glatt. Vielleicht weniger angepasst. Vielleicht merkst du, dass du jahrelang nur Methoden erklärt hast und jetzt mehr Haltung zeigen willst.

Das ist ein großer Unterschied.

„Sichtbarer werden“ klingt nach Technik. Nach Frequenz. Nach der Frage, wie oft man posten sollte und auf welchem Kanal. Es ist eine operative Frage.

„Was will sichtbar werden?“ ist eine inhaltliche.

Und genau an dieser Stelle wird es im Moment für viele anspruchsvoller.

Wir erleben eine Phase, in der Inhalte in großer Menge produziert werden. Mit KI lassen sich in kürzester Zeit Texte erstellen, die sauber formuliert und logisch aufgebaut sind. Formal stimmt alles. Masse ist nicht mehr das Problem.

Was dadurch aber wichtiger wird, ist die Perspektive dahinter.

Nicht jeder Gedanke muss neu sein. Aber er muss eingeordnet sein. Von dir.

Und nicht jeder Beitrag muss originell sein. Aber er sollte erkennbar aus deiner eigenen Haltung kommen.

Gerade für erfahrene Selbstständige entsteht hier ein Spannungsfeld. Sie wissen, dass Sichtbarkeit zu ihrem Geschäft gehört. Gleichzeitig möchten sie nicht einfach Inhalte produzieren, die austauschbar wirken. Sie wollen Substanz und dieser Anspruch macht Entscheidungen langsamer.

Das ist wie im Supermarkt.

Du willst einfach nur ne Tomatensuppe kaufen. Weil die gerade jetzt im Winter so schön von innen wärmt und schnell geht. 

Und dann stehst du vor dem Regal mit 100 verschiedenen Varianten. Mit Olivenöl von Luigis Großmutter, mit totgestreicheltem Basilikum. Mit Omega-schieß-mich-tot-Zeugs. Und bist hoffnungslos überfordert.

KI ist toll. Sie kann super hilfreich sein. Aber eben nur, wenn du weißt, was du wirklich willst. Ansonsten bekommst du irgendwas, das sich austauschbar anfühlt. Oder zumindest nicht wirklich nach dir. Und dann fängt es an zu ruckeln. 

Ich mein, wer hat Bock, wie die anderen Yoga-Lehrerinnen im eigenen Feed zu klingen? 

Dazu kommt der Vergleich.

Man sieht Menschen, die sehr präsent sind, regelmäßig veröffentlichen und klar positioniert wirken. Von außen entsteht der Eindruck von Kontinuität und Sicherheit. Das eigene Tempo wirkt daneben schnell lahm wie ne hinkende Ente.

Im Supermarkt

Fakt ist: Vergleich führt selten zu besseren Inhalten.

Er sorgt dafür, dass wir innerlich den Rotstift ansetzen. Wir relativieren, glätten, erklären rum. Bis vom ursprünglichen Gedanken kaum noch etwas übrig ist.

Bloß nicht anecken, aus der Reihe tanzen oder was riskieren.

Ich erwisch mich selbst mittlerweile auch dabei. Sitze vorm Rechner, will irgendwas teilen, was mir wirklich auf dem Herzen liegt und brems mich dann selbst aus. 

“Ist das jetzt wirklich relevant?” 

“Hast du echt Bock darauf, dich die nächsten 3 Tage mit dem Moderieren deiner Kommentare zu beschäftigen?”

“Was hat der Putsch in Venezuela mit deinem Business zu tun? Glaubst du, dass deshalb mehr Leute dein Freebie runterladen?”

Willkommen in meinen inneren Dialogen …

Und schon landet der Text, der bereits geschrieben ist, im digitalen Mülleimer und ich hab wieder nix gepostet. 

Andererseits erlebe ich selbst ja immer wieder, dass genau diese Beiträge – ehrlich aus dem Herzen raus, mit klarer Kante und Haltung – deutlich mehr Aufrufe und Interaktion erzeugen. Und dafür sorgen, dass mich genau die Leute finden, mit denen ich wirklich Bock habe, zu arbeiten. 

Und genau da liegt der Punkt.

Ich weiß das alles. Ich sehe, dass genau diese ehrlichen, klaren Beiträge die richtigen Menschen anziehen. Und trotzdem sitze ich manchmal da und zögere.

Weil ich merke, dass sich gerade etwas verschiebt. Dass ich mehr Klarheit darüber brauche, womit ich eigentlich wirklich rausgehen will. 

Und das ist der Moment, über den wir eigentlich sprechen.

Dieser Punkt, an dem du spürst: So wie bisher will ich es nicht mehr erzählen.

Das alte Thema trägt nicht mehr ganz, der bisherige Zugang fühlt sich enger an als noch vor einem Jahr, und der eigene Anspruch ist gewachsen. Und dann tritt man innerlich auf die Bremse.

Nicht aus Angst, sondern weil man spürt, dass es eine neue Einordnung braucht.

Von außen sieht das dann wie weniger Aktivität aus. Ist es de facto ja auch. Weniger Posts auf Social Media. Ein Newsletter, der auf einmal nicht wöchentlich rausgeht, sondern erst nach einem Monat wieder. Von innen ist es aber hochaktiv und eine Phase der Klärung.

Nach vielen Jahren im Business kann ich eins sagen:

Diese Phasen gibt es und es ist völlig ok. Für mich, für dich, für jeden da draußen.

Problematisch wird es, wenn man versucht, dieses Innehalten durch Aktivität zu überdecken. Mehr posten. Mehr Präsenz. Mehr Output. In der Hoffnung, dass Klarheit sich im Machen dann schon irgendwie einstellen wird.

Leider ist es meistens umgekehrt.

Klarheit entsteht durch bewusste Entscheidung. Mit Fragen an dich selbst. Nicht mit “einfach so weitermachen und am besten noch mehr davon.”

Gerade jetzt, wo man sich in fünf Minuten einen perfekten Post generieren lassen kann, reicht „gut formuliert“ nicht mehr.

Was zählt, ist die Haltung dahinter.

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Punkt.

Winter ist keine Pause vom Wachstum.

Er ist die Vorbereitung darauf.

Unter dem Eis bewegt sich Wasser. Die Tage werden länger, lange bevor es jemand auf Instagram postet. Und nur weil es von außen still wirkt, heißt das nicht, dass nichts passiert.

Diese Phasen sind nicht dafür da, dich auszubremsen. 

Sie sind dafür da, dich klarer aufzustellen. Vorausgesetzt, du nutzt sie. 

Nicht indem du dich komplett zurückziehst. Sondern indem du dir eben die richtigen Fragen stellst:

Wofür stehe ich gerade wirklich?
Was will ich nicht mehr erzählen?
Welche Perspektive ist meine, auch wenn sie nicht jedem gefällt?

Wenn du das klärst, kommt der Sommer von allein zurück.
Nur anders.
Nicht lauter.
Sondern klarer.

Und Klarheit ist am Ende das, was Menschen anzieht. Nicht Dauerfeuer. Nicht Perfektion. Nicht Masse.

Vielleicht stehst du gerade auf Eis.

Das ist okay.

Verwechsel diese Phase nur nicht mit Stillstand.
Was sich jetzt sortiert, entscheidet einfach nur darüber, wie du als Nächstes sichtbar wirst.

Wenn du merkst, dass du gerade in so einer Phase steckst und das Gefühl hast, diese Fragen nicht nur für dich im Kopf drehen zu wollen: Ich öffne Anfang April einen kleinen Workshop genau zu diesem Thema.

Kein Motivations-Event. Sondern zwei Tage, in denen wir sortieren, klären und deine Themen greifbar machen.

Alle Infos findest du hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

About

Ich bin Ina.
Texterin, Storytelling-Coach – und ziemlich gut darin, Gedanken in Sprache zu bringen.

Ich unterstütze Selbstständige dabei, sichtbar zu werden.
Mit Worten, die nicht nur gut klingen, sondern tragen.
Ohne Content-Hustle. Ohne Schi-Schi.

Text, der wirkt – und verkauft.
So wie du bist.

Podcast

Blog

Newsletter schreiben, die auch beantwortet werden?

Melde dich hier für meinen Newsletter an, hol dir regelmäßig Input rund um die Themen Sichtbarkeit und Business-Storytelling und erhalte als Dankeschön mein Workbook mit 10 Ideen (inkl. Vorlagen) für E-Mails, die dafür sorgen, dass dein Newsletter aus dem Dornröschen-Schlaf erwacht.

Newsletter-Ideen für mehr Engagement
Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner